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Madoka Chiba


Färben, Brennen, Schmelzen: Das Licht aus dem All
Asako Miyazaki

Viele Werke von Madoka Chiba zeigen die physische Wirkung des Lichts. Bei ihrer Serie „Licht“ (2012) hat sie das Berliner Sonnenlicht durch eine Lupe auf die Leinwand gerichtet und diese Operation wiederholt, bis die ganze Leinwand mit unzählig vielen eingebrannten braunen Punkten und Flecken und ein paar Löchern bedeckt war. Die Leinwand sieht aus wie die Oberfläche eines primitiven Tongefäßes oder eine von oben gesehene Wüste oder ein teleskopisch aufgenommenes unscharfes Bild der Oberfläche eines Planeten.

„Rays“ (2015) ist eine Installation, die Chiba im Rahmen des Kunstfestivals „Nakanojo Biennale“ in einem alten Holzgebäude der ehemaligen Sake-Produktion in der Kleinstadt Nakanojo in der Provinz Gunma geschaffen hat. Im ehemaligen Schlafraum der Arbeiter im ersten Stock, der jetzt leer steht, hat sie die beiden nebeneinanderliegenden breiten Fenster von innen mit großen Tüchern verhüllt und sie sieben Monate lang dem Tageslicht ausgesetzt, sie sozusagen „belichtet“. Die Tücher haben sich dunkelblau verfärbt und die Konturen der hölzernen Fenstergitter erscheinen darauf als Schatten. Während der Biennale hingen die Tücher, die zu einem primitiv-photographischen Abbild der Fenster geworden sind, in diesem Raum gegenüber von den beiden Fenstern an der Wand und erschienen als alternative Fenster ohne Ausblick.

„Utopia“ (2011) zeigt die Wirkung künstlichen Lichts. Im Historischen Keller der kommunalen Galerie in Berlin-Spandau leuchteten rote und blaue Leuchtdioden, und deren Licht traf auf eine Kartoffel, so dass sie schneller wuchs als in der Sonne.

In diesen drei Werken machen die Leinwand, die Tücher und die Kartoffel die physische Wirkung des Lichts sichtbar, das sich einbrennt, „Lichtbilder“ schafft bzw. Wachstum erzeugt. Sie sind Medien, die sich durch das Licht verändern. Was das Licht macht und wie es wirkt, ist nicht direkt zu sehen. Sichtbar sind nur die konkreten Folgen seiner Wirkung, die jedes Mal anders erscheint. In den verstreuten braunen Flecken auf der Leinwand und in der Verfärbung der Tücher, die durch die Fenster das Tageslicht aufgenommen haben, sind die Zeit der Belichtung – in Berlin und in Nakanojo – und das damalige Wetter dort archiviert worden. Die Leinwand, die Tücher und die Kartoffel sind keine bloßen Medien, die die Kraft des Lichts sichtbar machen, sondern entwickeln auch neue Sinndimensionen, indem sie sich jedes Mal zufällig und eigenartig verändern. So kommt es bei „Licht“ zu Assoziationen von Tongefäßen, Wüsten, Planeten usw. Bei „Rays“ wird die historische Zeitlichkeit der ehemaligen Sake-Produktion auf dem Lande der neuen Zeitlichkeit der siebenmonatigen Belichtung gegenübergestellt. Bei „Utopia“ ist im Keller in einer von einer Mauer umgebenen Ecke eine neue Welt entstanden, in der die Zeit schneller vergeht als auf der Erde.

Alle genannten Werke sind mit einer Zeitlichkeit verbunden, die weit über das Hier und Jetzt hinausgeht. Das hängt vielleicht damit zusammen, dass als Urbild optischer Wirkungen die Genese der Sterne und die Geschichte des Kosmos assoziiert werden. Dieser Vorstellungsraum wird in Chibas neueren Werken, in denen sie Steine verwendet, erweitert.

Hier genügt ihr die Lupe nicht. Sie hat angefangen, mit einem Brennglas, das größer ist als das Steuer eines Autos, in die Umgebungen eines Vulkans zu gehen, dort Steine zu sammeln und sie dem durchs das große Brennglas verstärkten Sonnenlicht auszusetzen. Bei dieser hohen Temperatur fangen die vulkanischen Steine an zu schmelzen und weisen dadurch darauf hin, dass sie mal Magma waren und aus dem Vulkan als Lava ausgeströmt sind. So wird die Geschichte der Erde zum Thema. Für die Installation „Melting Stone by Sunlight“ (2015), die auch auf der „Nakanojo-Biennale“ ausgestellt war, hat Chiba vuklanische Steine verwendet, die sie entlang des Flusses Agazuma gesammelt hat, wo die Lava aus dem Vulkan Asama schon mehrmals geflossen ist. Die Oberfläche eines Steins, der in den Brennpunkt des Brennglases gerät, schmilzt und ändert jede Sekunde die Farbe: Blau, Rot, trübes Weiß – Farben fließen ineinander, zittern, mischen sich und rufen Vorstellungen von Explosionen von Sternen oder von Galaxien hervor. Die zehn oder zwanzig Sekunden dauernde Schmelze auf einem Stein wird mit Billionen Jahren in der Zeitrechnung des Universums verknüpft. Die Videoaufnahme von einer Schmelze wurde im Landesgeschichtsmuseum von Nakanojo gezeigt. Neben dem kleinen Bildschirm waren auch der Strohhut, das Brennglas und die Gummistiefel, die Chiba beim Sammeln und Schmelzen der Steine anhatte, sowie eine Collage von Fotos vom Asama ausgestellt. Dadurch liegen in dieser Installation die ortsgeschichtliche Zeitschicht und die kosmische, die die Bilder im Video erwecken, übereinander.

In Chibas Ausstellung in Tokyo „The Melting Point: Wenn ein Stein nicht mehr fest ist“ (2016) wurden vier große Fotos von der schmelzenden Oberfläche eines Steins aus Deutschland an einer Wand nebeneinander aufgereiht. Diese Fotos sind viel größer als der Stein. Sie stellen den Schmelzprozess im Abstand von je zehn Sekunden dar. Der gelbe Brennpunkt in der Mitte hat halbdurchsichtige Ränder und schwillt an wie ein Spiegelei in der Pfanne. In dem Ausstellungsraum lagen auch ein Paar kleine Basaltsteine, die sie in Island gesammelt hat und deren Oberfläche sie geschmolzen hatte, nun glänzend auf kleinen Holzbrettern. An einer anderen Wand hing eine vertikale Reihe von Fotos von isländischen Erdschichten wie eine Leiter. Das oberste Bild zeigte den blauen Himmel und unten auf der Fotoleiter erreichten die Bilder tieferer Erdschichten den Boden des Ausstellungsraums. Die Grenze zwischen dem Hier und Jetzt der Betrachter und der Zeitlichkeit der Erde und des Alls, auf die die Bilder hinweisen, wird durch die räumlichen Inszenierungen im Ausstellungsraum erschüttert.

Bei Chibas Installationen bekommt man Kontakt zu einer kosmischen Zeitlichkeit, die sich weit über die menschliche und tierische Existenz hinaus erstreckt. In den Bildern sind meist weder Menschen noch Tiere zu sehen. Als Betrachter ist man mit der Frage konfrontiert, was für Verhältnis man zu dieser Zeitlichkeit hat, ob und wo man da seine eigene Position hat.

[Osaka, Frühling 2017]